Zurecht werden oft die Kinder thematisiert, die von einem Elternteil entfremdet oder ferngehalten werden.

Doch wir alle wissen nicht genau, wie sich diese Kinder wirklich fühlen. Darüber gibt es kaum aktuelle Forschungsergebnisse, da im Prinzip immer erst rückwirkend Daten erhoben werden können. Dann, wenn man die erwachsen gewordenen, entfremdeten Kinder befragen kann. Solange können wir uns „nur“ auf Erfahrungsberichte von Fachkräften stützen oder auf Einzelfallstudien. Und auf die Schilderung der wahrgenommenen Entfremdung durch die Elternteile.

Entfremdete Kinder leben „unter dem Radar“

Entfremdete Kinder leben oft unter dem gesellschaftlichen Radar. Denn ihre Geschichten werden im äußeren Umfeld in dem sie leben, gerne verfälscht. Wahrheiten werden z.T. massiv manipuliert und neu erfunden. Irgendwann fragt auch niemand mehr nach. Es wird stillschweigend akzeptiert, dass ein Kind plötzlich nur noch mit einem Elternteil aufwächst. Frei nach dem Motto: „Da muss ja etwas vorgefallen sein. Da muss ja etwas dran sein.“ Und diese Kinder passen sich entsprechend ihrer Lebensumstände an.

Der Forschungsbedarf liegt auf der Hand. Doch wie will man entfremdete Kinder in eine Umfrage bekommen, wenn sie sich selbst nicht (mehr) als entfremdet wahrnehmen? Fernab des oft noch jungen Alters, mit dem sie sich sowieso nicht für eine Teilnahme entscheiden können/dürfen. Wir müssen also erwachsene, entfremdete Kinder befragen, um Auskunft über ihre Gefühlswelt und die Auswirkungen von Eltern-Kind-Entfremdung zu erhalten. Etwas, dass sich unser Verein fest vorgenommen hat für das Jahr 2022.

Was wir allerdings JETZT schon wissen – wie entfremdete Eltern leiden

Im Gegensatz zu entfremdeten Kindern bekommen wir deutlich mehr Informationen darüber, wie es entfremdeten Eltern mit ihrer Situation geht.

Auch sie leiden meist hinter verschlossenen Türen. Denn die Scham spielt hier eine große Rolle, in der Öffentlichkeit seine Gefühle zu zeigen. Diese Eltern haben meist mehrfach erlebt, wie andere mit dem Finger auf sie zeigen und wie sich selbst nahestehende Personen von ihnen abwandten.

Austausch mit anderen Eltern hilft

Dank der sozialen Medien und vieler Selbsthilfegruppen haben sich heute bereits einige Eltern zusammengefunden, die sich über ihre Erlebnisse und schmerzlichen Erfahrungen austauschen. Doch auch das macht den eigentlichen Schmerz nicht geringer. Vielleicht jedoch erträglicher, wenn man hört, dass es anderen auch so ergangen ist und man kein Einzelfall ist.

Entfremdete Eltern müssen ihre Kinder lebendig begraben. So drastisch sich diese Formulierung auch für Außenstehende anhören mag. Meist konnten sie sich nie richtig von ihren Kindern verabschieden, ihnen noch einmal persönlich sagen, wie sehr sie sie lieben. Denn wenn der Entfremdungsstein erst einmal ins Rollen gebracht wurde, ist ein persönlicher Kontakt mit dem eigenen Kind oft nicht mehr freiheitlich möglich. Maximal unter Aufsicht oder Beobachtung Dritter.

Entfremdete Eltern erleben emotionale Achterbahnfahrten

Entfremdete Eltern gehen oft durch viele emotionale Höhen und durch noch mehr Tiefen. Anfangs gibt es noch viele Hoffnungsschimmer. Teils durch guten Zuspruch von Verwandten, Freunden und auch Juristen, die Mut machen. Teils durch die eigene Überzeugung, dass sich noch alles zum Guten wandeln wird. Eine Zeit lang glauben entfremdete Eltern auch, dass der andere Elternteil einlenken wird, wenn man immer wieder höflich bittet. Kein Mensch malt sich zu Beginn aus, wie es leider oft kommt: vollständiger Kontaktabbruch mit teilweise jahrelangen Unterbrechungen.

Nach der Hoffnung, die parallel oft mit Ohnmacht einhergeht, kommt dann nicht selten die Wut. Sie hält diese Eltern am Leben und gibt ihnen Kraft für anstrengende Gerichtsverfahren.

Die Kraft schwindet jedoch Stück für Stück und mit jedem Gerichtsverfahren und den Dingen, die damit einhergehen, etwas mehr. Viele entfremdete Eltern haben nach 2-3 Jahren nicht nur ihre finanziellen, sondern auch emotionalen Ressourcen aufgebraucht. Nicht wenige werden psychisch und körperlich krank.

Am Ende gibt es verschiedene Gruppen entfremdeter Elternteile

Die, die weiter kämpfen und sich dabei manchmal selbst verlieren.

Die, die sich komplett vom Leben zurückziehen und in Einsamkeit und Trauer leben. (Oft mit depressiven Phasen oder beständigen Depressionen).

Und die, die ihre schmerzlichen Erfahrungen und ihren Verlust versuchen, in ihr Leben zu integrieren. Vielleicht sogar aus ihrer Not eine Tugend machen, um anderen zu helfen. So geht es ja auch anderen Elternteilen, die ein Kind durch eine schlimme Krankheit verlieren. Manche lindern ihren Schmerz, indem sie für andere da sind. „Dann war das alles nicht umsonst“, könnte ein Motiv sein.

Mit dem Verstand, also auf rein kognitiver Ebene, lassen sich solche Verluste und schmerzlichen Erfahrungen nicht beantworten. Wer darüber sein Vertrauen ins Leben verliert, hat es schwer, wieder glückliche Stunden zu genießen.

Entfremdete Eltern dürfen auch wieder glücklich werden

Und doch dürfen entfremdete Eltern auch das: gut für sich selbst sorgen. Zu lernen, sich wieder anzunehmen mit alldem, was passiert ist, ist eine große Aufgabe. Sich trotzdem lieben zu können, eine Herausforderung.

Wenn die Kinder – vielleicht eines Tages schon erwachsen – vor diesen Eltern stehen, um ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, ist es wichtig, ihnen nicht als emotionales Wrack zu begegnen. Denn das würde sie erneut im Herzen treffen und womöglich ein Schuldgefühl auslösen.

Lieber entfremdeter Elternteil,

Du hast verdient, dass man dich in der Gesellschaft wahrnimmt und deinen Schmerz anerkennt! Du hast verdient, wieder glücklich zu sein. Du musst es dir selbst wert sein, dich nicht aufzugeben. So schwer der Weg auch ist. Du kannst ihn nur kraftvoll weitergehen, wenn du an dich glaubst und dir erlaubst, auch außerhalb deiner Mutter- und Vaterrolle ein vollwertiger, liebenswerter Mensch zu sein.

Das wünschen wir dir!

Familienpsychologische Beratung & Hilfe findest du bei uns auf der Seite

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